Stoppt die Prohibition!
3. April 2009 | Von Josef Reich | Kategorie:RhetorikDie angesehene, eigentlich sehr sehr nüchten, sachlich und rational-wissenschaftlich argumentierende britische Zeitschrift “Economist” hat es in den 80er Jahren irgendwann einmal in die Welt geschrien und diese Forderung in einer ihrer letzten Titelgeschichten in diesem Monat März erneuert: Stoppt die Prohibition harter Drogen wie Heroin, Kokain – von weichen Drogen wie Haschisch und Marihuana ganz zu schweigen
Schaut euch Amerika in den 20ern und 30ern an, in was für ein Irrenhaus sich damals das Land der unbegrenzten Möglichkeiten durch die kurzzeitige, dann wohlweislich schnell wieder aufgehobene Alkohol-Prohibition verwandelt hatte. Es handelte sich um ein kurzes 13-jähriges Intermezzo. Ein weitaus brutaleres Irrenhaus herrscht heute im Taliban-Land, in Südamerika – und wo sonst noch? Auf dem ganzen Planeten und zwar seit Jahrzehnten, das ganze 20. Jahrhundert hindurch – und es will nicht aufhören. Waffen sind in den USA legal, psychedelische Drogen nicht. Jeder außerirdische Besucher würde nur sagen: ”Na ja, schon ziemlich zurückgeblieben, die Kultur dieser süßen primitiven Erdlingskreaturen. Wird schon werden. Auch dieses Mittelalter werden sie irgendwann mal überstehen. Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei.”
Psychedelische Drogen setzen irgendetwas Wildes in uns frei, etwas für Allzuviele geradezu Unverdaubares, nach Liebe, Sex, Harmonie, Ekstase und menschlich-friedliebender Tollheit Gierendes, womit z.B. Versicherungsagenten, Banker, Börsenspekulanten, vor allem auch politische Entscheidungsträger selbst in den demokratischsten und wohlmeinendsten westlich-modernen, aufgeklärten Hemisphären sich einfach immer noch nicht so richtig abfinden können.
Und weil dem halt so ist, gehen die Drogenkriege weiter, bis – ja, bis wir klüger und reifer werden oder sich die Taliban der pakistanischen Atombomben bemächtigen. In der Zwischenzeit werden ganz nebenbei Hundertausende, ach was! Millionen von uns so ganz nebenbei verenden. An den Nebenwirkungen von Tranquilizern, Anti-Depressiva und Neuroleptika, mit denen wir unsere Depressionen und Psychosen bekämpfen und natürlich noch viel mehr elende Humanoide an Zigaretten und Alkohol, mit denen wir unser primär dröges, gewalttätiges und stumpfsinniges Verhalten nähren. Ja genau dieses sehr Primäre, einst und auch heute, hie und da durchaus überlebenswichtige Gewalt- und Agressionsverhalten von uns gehirn-gestraften Humanoiden, welches unserer kriegerischen, von Naturbeherrschung und Naturzerstörung geprägten Tradition der letzten zig Jahrtausende einfach gemäßer ist. Capisce?
Gelesen:
- How to stop the drug wars (Economist)
- Hooked on just saying no (Economist)
Mehr:
Ein toller Artikel. In Dänemark ist die Politik liberaler und die Erfahrungen bestätigen diese Politik. Allerdings führt der Druck aus Deutschland oft zu Schwierigkeiten. Ähnlich in Holland.