Wie es gelang, dem Schrecken in Darfur ein Ende zu bereiten

2. November 2008 | Von Josef Reich | Kategorie: Genozid in Darfur, Rhetorik

Unglaublich, aber wahr! In der Weihnachtssaison 2008 kam es in Deutschland wegen des Darfur-Genozids zu einem Kaufboykott gegenüber chinesischem Spielzeug, der sich sehr bald auf die gesamte westliche Hemisphäre ausbreitete. Sein Urheber war ein Zusammenschluß karitativer Hilfsorganisationen unter der Führung von Dr. Hans-Joachim Preuß, dem Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe. China sah sich mit der Drohung einer Ausweitung des Boykotts auf andere Konsumgüterbereiche konfrontiert und mußte reagieren. Endlich übte es adäquaten Druck aus auf seinen Handelspartner, das Kriegsverbrecher-Regime in Khartoum. Bereits im März 2009 ließ der Sudan daraufhin eine UN-Truppe nach Darfur hinein. Sie bestand zu Anfangs aus Soldaten der chinesische Volksarmee, später dann gefolgt von Truppen der europäischen und afrikanischen Union.

Anbei der etwas zynische Blog-Beitrag von Josef Reich, dem Initiator von RettetDarfur.org, der zunächst auf der eher unbekannten Website www.fairplanet.net erschien und absolut unerwartet eine Lawine des öffentlichen Aufruhrs ins Rollen brachte. Die Ursache dafür lag, wie gesagt, in der Initiative des Herrn Dr. Preuß, der sich die, in diesem Artikel an ihn persönlich gerichtete Zurechtweisung des Herrn Reich zu Herzen nahm und zur Tat schritt.

Die Olympiade im menschenrechts-verachtenden China ist also vorbei, der schleichende Völkermord in Darfur geht weiter. Coca-Cola, Volkswagen, Swatch, General Electric und ein paar andere Schwergewichte sponsorten Peking 2008, China wiederum sponsort den Völkermord.

Der bekanntlich wichtigste Abnehmer sudanesisches Erdöls hält seine schützende Hand über Omar el-Bashir, das vom Internationalen Gerichtshof als Kriegsverbrecher eingestufte sudanesische Staatsoberhaupt. Außerdem treibt China regen Waffenhandel mit dem Sudan.

Wer es genau wissen will, kann sich aufklären lassen, von GenGen Genocide, dem etwas anderen Olympia-Maskottchen. Trotz des schrecklichen Themas trotzt der lustige Comic-Infoclip auf YouTube vielen seiner Viewer ein Lächeln ab, ist aber mit gerade mal knapp über 10.000 Views ziemlich miserabel besucht. Von einer Vielzahl beispielsweise der Porno-Clips auf der wichtigsten Video-Plattform des Internets wird er weit übertroffen.

Und weil eben das weltweite Interesse für den Schrecken in Darfur so schrecklich geringfügig bleibt, müssen auch die genannten, weltweit bekannten Konsummarken keineswegs um ihr Image bangen. Schwarze Muslime, deren Dörfer von etwas weniger schwarzen Muslimen überfallen werden, sind auch in unseren Medien chancenlos. Der demokratische Westen, Nachfahre jenes christlichen Abendlandes, welches dereinst Afrika missioniarisierte und kolonialisierte, faltet demütig die Hände.

Sub-Sahara-Afrika bedeutet Sünde. Zum Beispiel den Export unserer subventionierten Agrarprodukte zu Dumping-Preisen genau dorthin, und die daraus resultierende Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz tausender Bauernfamilien. Ganz nebenbei führen wir also einen Handelskrieg gegen die Allerärmsten. Und begehen außerdem die Todsünde der unterlassenen Hilfeleistung - eben noch in Ruanda, jetzt in Darfur.

Die bisher unterbliebene Konfrontation mit unserem sauschlechten Gewissen wäre eigentlich eine psychohygienische Notwendigkeit. Die Negierung bzw. das nicht Wahrhaben unserer Schuld ist ein neurotischer Zivilisationsakt, der uns in latenter, unbewußter Fortsetzung der Gottesfurcht vergangener Zeiten beläßt. Die Schwachen auf diesem Planeten mit milder Gabe am Leben zu erhalten ist genauso Überbleibsel unseres christlichen Opferbestrebens, wie die sado-masochistische Begierde, sich für das allmächtige Strafgericht verdient zu machen, indem wir sie verkümmern oder einander abschlachten lassen.

Eine Nato-Eingreiftruppe könnte das Ermorden der Darfuris durch das Fundamentalisten-Regime schnell beenden, und hinterher zur Aufrechterhaltung der Sicherheit der Menschen eine entprechend von ihr koordinierte und unterstützte Truppe der Afrikanischen Union einsetzen. Die russisch-chinesisch-arabische Welt würden uns als Imperialisten beschimpfen, der vierte Weltkrieg würde deswegen aber nicht ausbrechen. Vielmehr hätten wir ein Zeichen gesetzt: Wir - der Westen - wir dulden keinen Völkermord mehr.

Davor aber sollten wir vielleicht eine naheliegendere und friedlichere Lösung in Angriff nehmen, und zwar den Angriff auf China. Gott behüte keinen militärischen, sondern einen mit gezielten, schmerzhaften Kaufboykotten. So zum Beispiel Eltern, Tanten, Onkeln, Erwachsene und Halb-Erwachsene dazu anstiften, chinesisches Spielzeug, das sich in der Vergangenheit sowieso als etwas problematisch erwies, einige Zeit lang überhaupt nicht mehr zu kaufen.

Eine begrenzte Strafaktion, erweiterbar auch auf andere Konsumgüterbereiche, solange bis die chinesische Regierung das unternimmt, was sie mit Leichtigkeit tun könnte: nämlich den Völkermördern Einhalt zu gebieten, und - im Einvernehmen mit ihren sudanesischen Geschäftspartnern - chinesische Blauhelme nach Darfur zu senden.

Im Frühjahr 2007, auf der Darfur-Konferenz im Jüdischen Museum von Berlin, nahm Dr. Hans-Joachim Preuß, der Generalsekretär der deutschen Welthungerhilfe, in einem Vortrag zur Situation in Darfur Stellung. Bitter stößt mir noch heute die damals von ihm ausgesprochene Mahnung auf, derzufolge bewaffnete Ordnungshüter in Krisengebieten zunächst einmal sich selbst verteidigen müssen.

Heißt das, Militärpräsenz bedeutet automatisch noch mehr Gewalt? Und wenn eine schwerbewaffnete Jugendgang meine Töchter vergewaltigen will? Sind dann nicht zur Hilfe eilende Polizisten mit Schußwaffen nötig? Wäre uns persönlich der Zustand der absoluten Schutzlosigkeit, wie er in Darfur vorherrscht, lieber?

Auch als Dr. Preuß in seinem Schlußwort, unter Bezugnahme auf das sudanesische Öl, dazu aufforderte, das Auto öfter mal in der Garage stehen zu lassen, und gefälligst demonstrieren zu gehen, klang mir das Ganze einfach nur zu hohl, eigentlich geradezu blöde, trotz oder gerade wegen eines applaudierenden, für einen kurzen Moment glücklich und zufriedengestellten Publikums.

Energiesparen in allen Ehren, Herr Dr. Preuß, völlig schleierhaft bleibt mir allerdings, wie wir damit, hier und heute, das Killer-Regime in Khartoum zu beeinflussen vermögen, schließlich geht dessen Erdöl-Produktion doch, wie bereits erwähnt, zum allergrößten Teil nach China. Auch war Ihr Aufruf, wir sollten demonstrieren gehen, wohl eher halbherzig gemeint. Meines Wissens kam es niemals, das ganze darauffolgende Jahr und auch den olympischen Sommer über, an keinem einzigen Wochenende, zu einem, in die Hundertausende gehenden Menschenauflauf, der mit „Völkermord – Bitte nicht stören“-Transparenten die Fernsehkameras anlockte und Politiker aufhorchen ließ..

Die humanitären Organisationen verrichten einen notwendigen - fast möchte ich religiös werden und sagen: gottgewollten Dienst. Aber was, zum Teufel, ist mit ihren so zahlreichen Mitgliedern und Unterstützern? Könnten so wohlbekannte karitative Marken wie Welthungerhilfe, Rotkreuz, Caritas, Misereor, Brot für die Welt etc. ihren Rückhalt in der Bevölkerung nicht viel effektiver nutzen? Das Argument, man dürfe sich nicht zu politisch gebärden, weil sonst die Helfer in den Krisengebieten in Konflikt mit den Autoritäten geraten können, hat bestimmt seine Richtigkeit. Aber kann man sich nicht elegant im Hintergrund halten und einer agressiven Menschenrechtsinitiative wie „RettetDarfur.de“ die Adressen- und Email-Daten der Spender und Mitglieder zur Verfügung stellen, damit wir unsere „Völkermord – Bitte nicht stören“-Türklinken-Aufhänger an Millionen sympathisierender Haushalte versenden und diese zum Kaufboykott chinesischen Spielzeugs auffordern können?

Der Darfur-Genozid ist primär politisch bedingt und erst sekundär eine humanitäre Katastrophe. Gelänge es den Hilfsorganisationen, ihre Anhängerschaft zu politisieren, könnten sie auf diese Weise viel mehr für die Darfuris ausrichten, als mit ihren momentan sehr eingeschränkten Möglichkeiten vor Ort. Wenn sie nicht zumindest den Versuch dazu unternehmen, ist es fast so, als entzögen sie sich ihrem Hilfsauftrag.

Wir werden von fossilen auf nachhaltige und solare Energien umsteigen, gezwungenermaßen. In der Zwischenzeit aber werden andernorts Kriegsverbrechen auch deshalb geschehen, weil hunderttausende, human gesinnter Spender zwar an Weihnachten einen Notgroschen an die Hilfebedürftigen dieser Welt abzwacken, aber während des Jahres noch nicht mal die Email-Briefkästen der Politiker mit Protestmails eindecken oder - und jetzt werde ich mal so richtig böse - ihre demütigen Ärsche nicht auf Flugrollbahnen, Eisenbahngleise und Autobahnen bewegen und dort mit spektakulären Sit-Ins den Verkehr blockieren.

Wohlan, Herr Dr. Preuß und all Ihre Kollegen, welche die Geschicke der Hilfsorganisationen lenken! Statt über das Für und Wider von Militärintervention zu streiten, sollten wir schleunigst den Handelskrieg entfesseln. Der Kaufboykott als militant-friedliches Mittel der westlichen Konsumentenmacht ist von Nöten, um China Schmerz zuzufügen und es zu veranlassen, die gepeinigte Bevölkerung Darfurs vor dem verbrecherischen Regime Omar el-Bashirs in Schutz zu nehmen.

Ich wiederhole: Solange die Hilfsorganisationen ihren Rückhalt in der Bevölkerung nicht nutzen, um z.B. einer Initiative wie RettetDarfur.de tatkräftig darin zu untersützten, einen solchen Konsumenten-Aktivismus ins Leben zu rufen, solange das nicht geschieht, beugen sie sich, so wie bisher wir alle, dem Fluch der Passivität, dulden sie, so wie bisher wir alle, die Fortsetzung des Tötens.

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