Sudan: Darfur und Kordofan

2. November 2008 | Von atsil | Kategorie: V.I.P.-Diary



Interview mit Ulrich Delius, Afrika- und Asien-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) über die Situation in Darfur, in Kordofan; über den LRA-Kinderraub und über das schwache Engagement der Deutschen gegen den Völkermord in Darfur.

Frage: Wie beurteilen Sie die Ermordung der chinesischen Ölarbeiter?

Delius: Die Entführung und die Ermordung der Mitarbeiter des Auslandskonsortiums der chinesischen Ölfirma China National Petroleum Corporation (CNPC) kann allgemein als Warnung an China angesehen werden. Ein Signal, daß der Status seiner Arbeiter in den südsudanesischen Ölfeldern gefährdet ist - waren doch in der Vergangenheit chin. Arbeiter bereits mehrfach entführt worden, aber immer unverletzt davonkamen. Diesmal nicht. Das ist neu und besorgniserregend. Dieser Zwischenfall hat zu einer Verstimmung zwischen China und dem Sudan geführt.

Frage: Geht die Entführung der Ölarbeiter in Südkordofan wirklich auf das Konto der JEM-Rebellen?

Delius: Nachdem die in Nord-Darfur ansässige JEM (Justice and Equality Movement) im Frühjahr 2008 einen überraschenden Angriff auf die sudanesische Hauptstadt Khartoum geführt hatte1, unternimmt die Regierung des Sudan alles, um diese Befreiungsarmee vor der Weltöffentlichkeit zu diskreditieren.  Nach der Meinung von Darfur-Analysten wie Alex de Waal 2 oder den ExpertenInnen von Human Rights Watch und Amnesty International widerspricht es den vitalen Interessen der JEM , in Südkordofan ausländische Arbeiter umzubringen.

Frage: Sehen Sie die Provinz Kordofan als neues Konfliktgebiet im Sudan an?

Delius: Es liegt in der politischen Tradition des Sudan und ist eine typische Strategie der dortigen Machthaber, daß jedesmal, wenn der politische Druck von außen zunimmt, Fortschritte bei der Demokratisierung des Landes zu erzielen, der Druck im Landesinneren erhöht wird, um genau dieses zu verhindern - mit der dann fadenscheinigen Begründung, es ginge auch diesmal nicht, weil…

So auch derzeit in Kordofan. Insbesondere im Hinblick auf die nationalen Wahlen 2009 oder auf das Südsudan-Referendum 20113  will die sudanesische Regierung deren Verschiebung durch das Schüren innerer Unruhen erreichen.

Frage: Wie beurteilen Sie das Gerücht über die Entführung von Kindern aus Darfur durch die kongolesische LRA?

Delius: Die LRA (Lord’s Resistance Army), die die Erneuerung der Verfassung auf der Basis der Zehn Gebote anstrebt, konzentriert sich derzeit eher auf außerkongolesische Gebiete im Norden Ugandas als auf den Süden des Sudan. Es mag sein, daß sie dort - in der demilitarisierten Zone in den Camps - auch weiterhin Kindersoldaten “rekrutiert”, jedoch kaum vorstellbar, daß sie bis in die Darfur-Provinzen vordringen. Es kann sich bei den Berichten um entführte Darfur-Kinder nur um Flüchtlinge handeln, aber nicht um seßhafte Einwohner, die überfallen wurden.

Der Chef der LRA, Joseph Kony, wandert mit seinen Leuten in den Osten des Kongo ab, um einer Festnahme und einer Vorführung vor den ICC (Internationalen Strafgerichtshof) zu entgehen. In diesem Zusammenhang (>ICC) fällt mir ein, daß Frankreich zusammen mit China die Verhaftung des sudanesischen Staatspräsidenten, Al-Bashir, hintertreibt. Es wird vorgeschlagen, Al-Bashir der sudanesischen Gerichtsbarkeit vorzuführen. Was nie geschehen wird!

Die Gretchenfrage zum Schluß:
Warum ist in Deutschland das Engagement für Darfur so gering im Vergleich zu den Vereinigten Staaten?

Delius: Das schwache Engagement betrifft ganz Europa. In den USA gibt es große Kirchenverbände, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte im Sudan engagieren. Der maßgebliche Unterschied zu den USA besteht in Europa wie in Deutschland im jeweiligen Verhältnis zu den Friedensmaßnahmen:

Bevor sich Verbände oder Einzelpersonen dafür entscheiden, sich zu engagieren, wird zuerst mal der Sinn und das Ausmaß von Friedensarbeit selbst analysiert. Die Aktivisten sind insbesondere unter sich zerstritten, ob es bei Friedensmaßnahmen bleiben oder ob militärisches Eingreifen erforderlich ist bzw. befürwortet werden kann und soll. Diese Diskussionen erfolgen mangels fundierten Kenntnissen der reellen Zustände vor Ort.

Wenn z.B.  Verhandlungen zwischen der sudanesischen Regierung und den Darfur-Rebellen gefordert werden, dann aufgrund von gänzlich ahistorischen und apolitischen Prämissen.  Denn mit wem genau soll Khartoum hier und heute verhandeln? Etwa mit der JEM, die - aufs Beste bewaffnet - im Frühjahr bereits die Hauptstadt angegriffen hat?

Veränderungen können im Sudan nur dadurch erzielt werden, daß Druck aufgebaut wird. Ohne die Androhung von Konsequenzen, von Sanktionen bleibt Friedensarbeit ein zahnloser Tiger.

Nicht zu vernachlässigen sind auch die innenpolitischen Machtverhältnisse. Hassan Al-Turabi, der ehemalige Mitstreiter von Al-Bashir, verfügt immer noch über eine beachtliche Machtbasis in den Darfur-Provinzen und kann diesem bei den Nationalwahlen 2009 ziemlich gefährlich werden.

Kurz: Die Befürworter von Friedensmaßnahmen sind realitätsblind.

Das Interview führte atsil (FairPlanet-Redaktion am 31.10.2008)

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