Kongo – Darfur – Mumbai
30. November 2008 | Von atsil | Kategorie:V.I.P.-Diary
Interview mit Ulrich Delius, Afrika- und Asien-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) über den Völkermord im Kongo, über die aktuelle Situation in Darfur sowie über die Hintergründe der Terrorattacke auf Mumbai.
Frage: Der Völkermord im Kongo ist in den Schlagzeilen gelandet. Was sagen Sie, Herr Delius, als Afrika-Beauftragter der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zu dieser Katastrophe?
Delius: Ja, die Situation im Kongo hat bei mir und meinen Kollegen bei den verschiedenen Hilfsorganisationen wie z.B. World Vision, Oxfam und Human Rights Watch, aber auch bei den für Humanitäre Hilfe zuständigen Ministerialen und den zuständigen Vertretern der Welternährungsorganisation derzeit oberste Priorität. Heute, am 25. November 2008, befaßt sich auch der UN-Menschenrechtsrat in Genf mit der Lage im Kongo
Frage: Die ja mehr als verwirrend ist mit all ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen. Was sehen Sie als Ihre Aufgabe an? Wie möchten Sie dazu beitragen, den Menschen im Kongo zu helfen?
Delius: Für mich stehen die Einhaltung der Menschenrechte an oberster Stelle. Dafür brauchen die Menschen im Kongo eine Sicherheitsstruktur, die dies gewährleistet. Tragisch ist in diesem Zusammenhang, daß allein 14% der Vergewaltigungen im Krisengebiet auf das Konto der Sicherheitsbehörden, also der Polizei geht. Die Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in jene, deren Aufgabe es eigentlich wäre, sie zu schützen.
Frage: Wurde nicht auch den MONUC-Friedenstruppen Teilnahme an Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung u.a. Kindesmißbrauch vorgeworfen. Das ist unverzeihlich. Wie konnte es dazu kommen?
Delius: Die Teilnehmer-Staaten z.B. der MONUC finanzieren sich ihre teuren Armeen über die Teilnahme an den UN-Friedenstruppen. Die Truppenangehörigen sind eher Söldner. Außerdem erhalten die MONUC-Truppen unklare Mandate für ihre Aufgabe im Kongo. Die Resolutionen 1291 (aus dem Jahr 2000), 1565 (2004) und 1797 (Jan. 2008) sind sehr knapp und ungenau gehalten.
Frage: Welche Rolle spielt der Abbau von Coltan, dem sogenannten Handy-Mineral in dieser Kongo-Krise?
Delius: Sie macht das Ganze noch komplizierter als es ist. Die Warlords finanzieren ihre Truppen durch den Verkauf von Coltan. Meiner Ansicht sollte dem Coltan jedoch keine zentrale Position im Kongo-Konflikt zugewiesen werden.
Frage: Hat sich an der Situation in Darfur wesentlich etwas verändert?
Delius: Nein. Sämtliche Aktionen der sudanesischen Machthaber und ihrer Unterstützer zielen darauf ab, die Strafverfolgung des sudanesischen Ministerpräsidenten al-Bashir durch den Internationalen Strafgerichtshof zu vereiteln. So reiste u.a. auch der sudanesische Finanzminister nach Indien, zu dem der Sudan starke wirtschaftliche Beziehung im Erdöl-Sektor hat.
Frage: Ist das nach dem islamistischen Terroranschlag in Mumbai überhaupt noch möglich?
Delius: Die Situation der Muslime in Indien ist seit geraumer Zeit sehr kritisch. Dies gilt aber auch für die indischen Christen. Dies wurde auch in einer Konferenz Ende Oktober in Neu Delhi thematisiert. Das Thema der Konferenz lautete: “Gegen den Faschismus in Indien”
Frage: “Faschismus in Indien”?! – Nicht eher religiöse Intoleranz?
Delius: Die Ursachen der Verfolgung Andersgläubiger haben nach Meinung der Veranstalter gemeinsame, faschistoide Wurzeln. Die Verfolgung der Muslime hat sich in den letzten 10 Jahren erheblich verschärft. Die Muslime Indiens sind in Bildung, Wirtschaft und Verwaltung mehr oder minder stark benachteiligt.
Frage: Wie stehen die indischen Muslime zu den Terroranschlägen in Mumbai?
Delius: Die Muslime Indiens wollen mit den Anschlägen nichts zu tun haben. In einer Konferenz Anfang November 2008 haben mehr als 6.000 muslimische Gelehrte, Geistliche und Führer den Terrorismus verurteilt. Schon im Mai 2008 ist eine Fatwa, die jeden Terror verboten hat, verkündet worden.
Ergänzende Links zum Interview:
- Scheindebatte über Truppen aus Europa lenkt von wahren Problemen ab
- UN-Menschenrechtsrat befasst sich mit Lage im Kongo
- Democratic Republic of the Congo – MONUC – Mandate
- Resolution 1291 (2000) vom 24. Februar 2000
- Resolution 1565 (2004) vom 1. Oktober 2004
- Resolution 1797 v. 30. Januar 2008
- Sudan seeks to rally India support against Bashir indictment
- Das zweitgrößte islamische Land der Erde
- Convention Countering Fascist Forces: Defending the Idea of India
- Indiens Muslime fürchten um Ruf und Sicherheit