Tauziehen um Brasiliens Regenwald
29. August 2008 | Von atsil | Kategorie: Read the World!Alexei Barrionuevo schreibt über den brasilianischen Konflikt zwischen Wirtschaftsinteressen und Wissenschaft - vertreten durch Blairo Maggi, dem Gouverneur des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso und gleichzeitig der weltweit größte Sojaanbauer einerseits und durch Gilberto Câmara, dem Direktor der brasilianischen Weltraumbehörde INPE andererseits.
Dazwischen steht der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und fährt einen vorsichtigen Kurs zwischen den beiden Kontrahenten. Er versucht dabei, sein Image als erster “grüner” Präsident Brasiliens zu retten, dessen umweltschützende Maßnahmen ihm internationale Anerkennung brachten, ohne in Zeiten hoher Getreide- und Fleischpreise die landwirtschaftliche Produktion seines Landes zu gefährden.
Quelle: International Herald Tribune
Die Kontroverse begann im Januar 2008, als die brasiliansiche Regierung die Auswertungen von Satellitenbildern des INPE-Systems namens DETER bekanntgab. Demnach hat sich die zerstörte Fläche des brasiliansichen Regenwaldes in der zweiten Jahreshälfte 2007 - im Verhältnis zum gleichen Zeitraum des Jahres 2006 - nahezu verdoppelt.
Allein zwischen August und Dezember 2007 wurden nach Auswertung von DETER-Satellitenbildern 320.000 Hektar Wald zerstört. DETER (detection in real time) ist ein System zum Überwachen des Holzeinschlages, ausgelegt auf die Dokumentation kurzfristiger Veränderungen. Dieses System erfasst erfahrungsgemäß jedoch nur circa 40 Prozent der zerstörten Fläche. Deshalb muss davon ausgegangen werden, dass über 700.000 Hektar Amazonas-Urwald in nur einem halben Jahr vernichtet wurden!
Quelle: Greenpeace
Die Regierung hatte erst vor wenigen Monaten den deutlichen Rückgang der Urwaldzerstörung zwischen 2005 und 2007 als Folge der Umweltpolitik gefeiert. Tatsächlich wurden mehr Kontrollen angeordnet und Schutzgesetze erlassen. Ende 2006 wurde das größte Urwaldschutzgebiet der Erde geschaffen. Mit einer Fläche von 16 Millionen Hektar ist es knapp halb so groß wie Deutschland. Doch die Experten sind skeptisch geblieben, dass Brasilia die Profitgier bezwingen kann.
Quelle: Wiesbadener Kurier
Der Regenwald am Amazonas ist der größte noch intakte Regenwald dieser Erde. Doch die weltweite Nachfrage der Industriestaaten und Chinas nach Edelhölzern und Soja als Futtermittel bedroht immer größere Waldflächen. In den vergangenen Jahren wurden jährlich über 20.000 Quadratkilometer Urwald abgeholzt und vor allem in Sojaäcker oder Viehweiden umgewandelt. Dies entspricht der Flächengröße El Salvadors.
Die Nachfrage nach billigem Fleisch, vor allem in Europa, heizt gleichzeitig die Nachfrage nach Soja und damit die Urwaldzerstörung in Brasilien weiter an. Soja ist das wichtigste proteinhaltige Futtermittel in der Massentierhaltung, Brasilien der größte Soja-Exporteur der Welt.
Quelle: Greenpeace
Und Blairo Maggi, der Eigentümer von Grupo Amaggi, gilt als der König der Soja-Bohne Brasiliens und unter Umweltschützern als Landräuber schlechthin. Ihm gehören im Bundesstaat Mato Grosso etwa 400.000 ha Land, auf dem er neben Soja auch Mais und Baumwolle anbaut.
Maggi hat eine klare Position, die er auch in den Medien immer deutlich macht. Forstwirtschaft habe in Brasilien keine Zukunft.
Zitat:
„Mir bedeutet ein 40-prozentiger Anstieg in der Entwaldung rein gar nichts, und ich habe nicht die geringsten Schuldgefühle bei dem, was wir tun. Wir sprechen über eine Fläche größer als Europa, die kaum berührt ist, deshalb gibt es nichts, über das man sich Sorgen machen müsste.“
“Die Gier nach Soja frißt den Regenwald” - schreibt Scott Wallace im SPIEGEL:
Die Folgen der Abholzung sind meist schlimmer als die Abholzung selbst. Wenn die Bäume gefällt und die Holzarbeiter weitergezogen sind, zieht eine gefährliche Mischung aus illegalen Siedlern, bewaffneten Wachen und Landspekulanten nach. Die sogenannten “Landhaie” folgen den Straßen tief in den zuvor unzugänglichen Wald hinein. Sie zerstören ganze Gebiete, damit es den ursprünglichen Eigentümern schwerfällt, ihr Land wiederzuerkennen und ihr Besitzrecht nachzuweisen.
Nachdem ein von grileiros angeheuerter Trupp im Jahr 2005 die amerikanische Nonne und Umweltaktivistin Dorothy Stang ermordet hatte, verschärfte die brasilianische Regierung ihre Politik.
“Wir essen Amazonien auf” - meint Greenpeace:
Die in Brasilien angebaute Soja wächst meist auf großflächigen Monokulturen: Soja-Bohnen - so weit das Auge reicht und Totenstille.
Denn auf solchen Feldern gibt es keinen Lebensraum für Vögel und andere Nützlinge. Die einzigartige Vielfalt von Pflanzen und Tieren wurde durch eine kleine Bohne ersetzt. Doch Monokulturen sind auch verantwortlich für Bodenerosion und den massiven Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden. Da verwundert es nicht, dass Brasilien einer der weltweit größten Verbraucher von Pestiziden ist. Rund ein Viertel davon wird zum Soja-Anbau eingesetzt. Der Anbau von Soja in Monokulturen und der Einsatz von Chemie führt schnell zur Auslaugung der Böden. Die Farmer verlassen diese Flächen und zerstören Amazonas-Regenwald, um neue Anbau-Flächen zu bekommen.
Dafür, dass sich der illegale Anbau lohnt, sorgen die drei US-Getreidehändler Cargill, Bunge und Archer Daniels Midland (ADM), sowie der brasilianische Soja-König Blairo Maggi. Die drei US-Konzerne allein kontrollieren zusammen 60 Prozent der brasilianischen Soja-Exporte. In Europa gehören ihnen 80 Prozent der Soja-Mühlen, die den europäischen Markt mit billigem Soja-Schrot für Tierfutter versorgen. Der Greenpeace-Report zeigt, dass Cargill, Bunge, ADM und Maggi immer wieder Soja von Farmern kaufen, die an illegaler Landaneignung, Rodung und Sklaverei beteiligt sind.
Doch Cargill, Bunge, ADM und Maggi sind auch direkt an der Zerstörung des Urwaldes beteiligt. Durch Schaffung der Infrastruktur wie Straßen, Silos und Hafenanlagen sowie der Bereitstellung von Saatgut, Dünger und Pestiziden für die Soja-Farmer in Amazonien. Die Bezahlung erfolgt in Form der Ernte und sichert den Farmern die Absatzmärkte.
Trotz eiligst einberufener Konferenzen nach der Veröffentlichung der DETER-Ergebnisse, denen vollmundige Presse-Erklärungen der brasilianischen Regierung unter da Silva folgten, kam es zum Rücktritt der damaligen Umweltministerin Marina Silva, der “Schutzpatronin des Regenwaldes” .
Ihr Team sei “auf zunehmenden Widerstand bei wichtigen Sektoren der Regierung und der Gesellschaft gestoßen”, beklagte Silva in ihrem Rücktrittsschreiben.
Zu ihrem Nachfolger wurde Carlos Minc, der Gründer der brasilianischen Grünen ernannt. Doch der mache - so Wolfgang Kunath/FR - bloß “Umweltpolitik im Westentaschenformat”
Weiterführende Links:
“Mehr Entwaldung in Brasilien” (waldportal.org)
“Bei Präsident Lula ist der Lack ab” (netzwerk-regenbogen.de)
“Amazon Rain Forest” (National Geographic)
“The Embattled Amazon - Interactive Map” (NG)
“Energiehunger frißt Regenwald” (SWR-Blog)
Aktuell! Ausstrahlung in der Nacht v. 4. auf den 5. September 2008 im SWR (Bad.-Württ.) ab 0 Uhr:
“Abenteuer Amazonien - Eine Reise durch den Regenwald” - Teil 1
“Abenteuer Amazonien - Eine Reise durch den Regenwald” - Teil 2
Greenpeace:
“Amazonien: Zerstörung des Regenwaldes schreitet weiter voran”
“Wir essen Amazonien auf” - Zusammenfassung des Greenpeace-Reportes: Eating up the Amazon
“Das Drama des Dschungels” (pro-regenwald.de)



Seit ich erfahren habe, welche Machenschaften hinter den Ökos in Deutschland und Frankreich stecken, bin ich vorsichtig.