Kristof: Die Qual der G8-Staaten
27. Juli 2008 | Von atsil | Kategorie: Genozid in Darfur, Kristof!Nicholas D. Kristof: Soll man dem Völkermord in Darfur oberste Priorität einräumen? - Pro und Kontra
Einerseits:
“Völkermord ist bedauerlich, aber man sollte nicht das Wesentliche aus den Augen verlieren. Er ist doch bloß eine von vielen Tragödien in der heutigen Welt und - im Hinblick auf die Todesopfer - eine eher mittelmäßige.”
“Der Bürgerkrieg im Kongo hat gemäß einer sorgfältigen Studie des International Rescue Committee im vergangenen Jahrzehnt mehr als 5,4 Millionen Leben gefordert. Das ist mindestens das Zehnfache der Zahlen in Darfur. Da jedoch der Kongo nicht als Völkermord gilt - lediglich als mörderisches Chaos - hat ihm niemand besonders viel Aufmerksamkeit gezollt.
Trauert eine Mutter, deren Kind durch Banditentum, Malaria oder AIDS stirbt, etwa weniger als eine Mutter, deren Kind durch die Janjaweed umgebracht wurde?”
“Anstatt also Bush dazu zu drängen, sich um Darfur zu sorgen - wobei es unklar ist, ob er da überhaupt durchblickt -, bringt ihn dazu, sich auf Mückennetze oder auf Entwurmung oder auf das Jodisieren von Salz in armen Ländern zu konzentrieren oder darauf, daß die Mutter-Kind-Übertragung des Virus’, das AIDS verursacht, unterbunden wird oder auf viele andere Bereiche, in denen seine Aufmerksamkeit eine humanitäre Wirkung entfalten könnte.”
Andererseits:
“Völkermord hat immer schon eine überweltliche Furcht hervorgerufen und er hat nur wenig mit der Zahl der Toten zu tun gehabt. Der Holocaust erschüttert nicht, weil sechs Millionen Juden ermordet wurden, sondern weil eine Regierung Menschen aufgrund ihres religiösen Erbes ausgesucht hatte und versucht, sie auszulöschen.”
“Es gibt auch praktische Argumente, denn Völkermord kann Kreisläufe von Rache und Vertreibung verursachen und das läßt ihn in einem größeren Maße zur Destabilisierung beitragen als jedwede Hungersnot oder Epidemie. Der Völkermord in Darfur könnte sehr wohl dazu führen, daß der ganze Sudan in Bürgerkriegsschauplätze zersplittert, daß die sudanesischen Ölexporte unterbrochen werden und daß die Ölpreis steigen.”
Kristof erklärt:
“Das kollektive Achselzucken der G8-Staaten über den Völkermord in Darfur heute - weil die Opfer eh nur schwarz sind, verarmt und vor den Fernsehkameras verborgen - wird ein fortwährender Makel bleiben.”
Er verweist auf die islamische Welt, die
“sich noch kurzsichtiger verhält - insbesondere, weil die Opfer in Darfur alle Muslime sind.”
Und frägt:
“Zählen tote Muslime erst, wenn Israel der Schuldige ist? Sollte die islamische Welt nicht hundertmal mehr Empörung für das völkermörderische Schlachten von Tausenden von Muslimen aufbringen können wie für einige dänische cartoons?”
Lesen Sie den ganzen Artikel von Nicholas D. Kristof (The New York Times) und diskutieren Sie mit in seinem Blog: “On the Ground”
Ergänzende Video-Information:
Phil Cox von Channel4 drehte ein Interview mit Arbab Idries, einem ehemaligen sudanesischen Armeeführer:
Auszüge:
Cox:
“Danach befragte ich den Commander, woher die Waffen, die er und die Janjaweed-Milizionäre benutzten, stammten?”
Idries:
“Ja, China ist der stärkste Verbündete des Sudan. Sie haben den größten Vorteil aus unseren Erdölerträgen. Aus diesem Grunde hält China starke Verbindungen (zum Sudan) aufrecht. Deswegen unterstützen sie den Sudan militärisch. Deswegen unterstützen sie den Sudan durch militärisches Training, durch Waffen und so fort.”
Cox:
“Glauben Sie, daß China immer noch durch Waffen(lieferungen) unterstützt?”
Idries:
“Ja, es unterstützt immer noch, weil sich China immer noch im Sudan aufhält, in den sudanesischen Feldern - den Ölfeldern”
Betrachen Sie das Video:
Weiterführender Link:
Darfur - Ethnographie und Geschichte eines Konflikts
Darstellung und Übersicht von Peter Mühlbauer vom 11.06.2007 auf heise.de.

