Ein genauer Blick lohnt sich: Was ist “bio” an Bioenergie?
21. Mai 2008 | Von admin | Kategorie: Read the World!“Bioenergie” ist in aller Munde. Ein gutes Wort, eine gute Vorstellung, dass der vieldiskutierte Energieverbrauch, der Hinkelstein des wirtschaftlichen Wachstums, nun mit ökologisch und politisch korrekten Methoden stattfinden könnte…
Ein genauer Blick lohnt, denn die Verwendung von “Bio” ist zumindest in diesem Zusammenhang irreführend: es impliziert eine nachhaltige Produktion, die bei den nachwachsenden Energierohstoffen so nicht gegeben ist. Unter massivem Einsatz von landwirtschaftlichen Chemikalien werden diese bioenergetischen Rohstoffe großflächig in Monokultur produziert.
Die Ursache für die gegenwärtige Diskussion um das Für und Wider der Energieversorgung mit nachwachsenden Stoffen liegt in einer Regelung, die seit 1. Januar 2007 die europäische Mineralölwirtschaft verpflichtet, einen wachsenden Mindestanteil von Agrokraftstoffen (d.i. sog. Biodiesel und Ethanol aus Pflanzen) zu vertreiben. Bis zum Jahr 2010 soll dieser Anteil bei 5,75 % liegen. Und damit dies funktioniert, verstärken sich die Anstrengungen, Gebiete auf der Südhalbkugel zur extensiven Produktion dieser Kraftstoffe zu erschließen.
Die Befürworter der Bioenergie argumentieren mit neuen Einkommens- bzw. Exportmöglichkeiten für Länder des Südens und damit einer Reduzierung der Hungerproblematik. Ebenso wird die Nachhaltigkeit und verminderte Umweltbelastung der neuen Energierohstoffe in die Zustimmungskiste gesteckt.
Verschiedene Nichtregierungsorganisationen, unterstützt von wissenschaftlichen Untersuchungen, widerlegen jedoch jeden einzelnen dieser Pluspunkte und bringen zusätzliche Gegenargumente:
Die exportorientierte Produktion von Agrotreibstoffen führt mittelfristig zu einer Preissteigerung bei Grundstückspreisen aber auch bei Lebensmitteln, von der große Konzerne profitieren, die Endverbraucher jedoch zusätzlich belastet. Weder funktioniert hier das Argument von Einkommenssteigerung – es sei denn für die internationalen Konzerne – noch das von verbesserten Lebensstandards, wie ein Beispiel aus Indonesien belegt. Aufgrund der permanent steigenden Nachfrage an Palmöl, heute als Rohstoff für “Biodiesel” genutzt, wuchs die Anbaufläche in Indonesien von 600.000 ha im Jahr 1985 um ein Vielfaches auf 5 Mio. ha. im Jahr 2005. Hierfür werden – auch illegal – Regenwälder abgeholzt und Palmölplantagen in Monokultur angebaut. In Sumatra fällt derzeit täglich eine Fläche von 300 Fußballfeldern dem neuen “Bioenergie-Boom” zum Opfer. Und ganz nebenbei erhöht sich für die lokale Bevölkerung der Preis für Speiseöl um ca. 30 %, weil die Konzerne im Export mehr für das Öl verlangen können.
Wie nicht nur das Vorgehen der indonesischen Regierung zeigt, wird zudem vor Menschenrechtsverletzungen keinen Halt gemacht, wenn es um das “wirtschaftliche Wohlergehen” eines Landes geht: In vielen von der Abholzung bedrohten Gebieten leben indigene Völker wie die Dayak oder Papua-Stämme, die in der Regel keine Eigentumsrechte über das von den Vorfahren übertragene Land besitzen. Sie werden ohne Ersatz vom Land vertrieben und enteignet.
Und nicht zuletzt ist das schlagende Argument des Klimaschutzes im Falle von “Bioenergie” ebenso entkräftigt. Denn die CO²-Emission der pflanzlichen Treibstoffe ist nur zwischen 10-30 % niedriger als bei Erdöl, dafür wird durch den hohen Einsatz an synthetischem Dünger vermehrt Lachgas (N20), ein hochwirksames Treibhausgas, freigesetzt. Neben der bereits erwähnten Zerstörung von intakten Waldgebieten ist zukünftig zu befürchten, dass für die Produktion von Energie auf Pflanzenbasis vermehrt gentechnisch verändertes Saatgut eingesetzt werden wird.
Um die Risiken der “Bioenergie” zu reduzieren und möglicherweise die “gute Idee” auch tatsächlich ökologisch sinnvoll zu nutzen, müsste dringend ein System eingeführt werden, das Anbauflächen und –methoden nach ökologischen und sozialen Mindeststandards zertifiziert. Und letztlich hilft doch nur eines wirklich: ein Überdenken und Verändern des eigenen Ressourcenverbrauchs.

