Der heisse Krieg: Präzendenzfall Tuvalu
30. April 2007 | Von ml | Kategorie: Support Humanity!Die Bedrohung des Meeres rückt für die Menschen auf Tuvalu immer näher: die Fläche, auf der sie Nahrungsmittel anbauen können, wird immer knapper, an einigen Stellen sind die Inseln des Atolls nur noch so breit wie eine Straße, angeblich müssen einige Kinder ihren Schulweg inzwischen sogar schon schwimmend zurücklegen. Die neun Inseln von Tuvalu ragen nur wenige Meter aus dem Meer hinaus und sind so für die Veränderungen durch den Klimawandel besonders anfällig: Je stärker der Meeresspiegel ansteigt, desto schneller schrumpft die Insel. Einige Wissenschaftler prognostizieren, dass die Insel schon in 25 Jahren unbewohnbar sein wird, andere sagen, dass sie in 50 Jahren vollständig unter Wasser liegen wird – und so ist Tuvalu alles andere als ein Ort mit einer strahlenden Zukunft.
Die Tuvalesen sind der Wucht des Meeres ungeschützt ausgesetzt – denn anders als in Europa ist für teure Deichsysteme kein Geld da. So wird die gut 11.000 Einwohner nur die Flucht aus ihrer Heimat bleiben, als Teil der wachsenden Gruppe von Klimaflüchtlingen, die laut Angaben der UN bis 2010 auf 50 Millionen Menschen steigen soll. Tuvalu ist ein Präzedenzfall der besonderen Art – die Frage, was mit Menschen passiert, deren Nation im Meer versunken ist, hat sich bislang noch nie gestellt, eine Antwort darauf, wo die Menschen hinsollen und –können, gibt es deshalb nicht. Die Regierung von Tuvalu versuchte, vorzusorgen: Sie stellte in Australien und Neuseeland Asylanträge für alle 12.000 Einwohner, mit magerem Erfolg: Neuseeland erklärte sich bereit jährlich 75 Tuvalesen pro Jahr aufzunehmen, Australien dagegen weigert sich seit 2004, die Klimaflüchtlinge anzuerkennen – eine zynische Haltung, stößt doch kein anderes Land der Welt mehr Treibhausgase pro Kopf in die Luft. So ist die Frage, was mit den restlichen Tuvalesen passiert, ist ungeklärt. Es gibt Ideen, sie auf einer anderen Pazifikinsel anzusiedeln, gemeinsam, damit sie ihre Kultur aufrecht erhalten können. Doch wer die Umsiedlung finanziert, wer für die Menschen von Tuvalu aufkommen soll, ist auch bei diesem Modell noch vollkommen ungeklärt.
Durch ihre territoriale Lagen sind die Tuvalesen zum manifestierten schlechten Gewissen der UN Klimakonferenzen gewesen. “Was wird die Geschichte von uns sagen, wenn wir Beschlüsse fällen, die ganze Länder verschwinden lassen? Das hat es im UN-System noch nie gegeben” klagten die Tuvalesen erst in Nairobi verzweifelt – doch ihr Schicksal hat bislang noch keine westliche Industrienation dazu gebracht einzulenken und ihre Politik nachhaltig zu verändern. Auf den Kalten Krieg folgt der Heisse Krieg, sagen die Tuvalesen – die Opfer sind sie, die am Ausstoß von Klimagasen kaum beteiligt sind und die dennoch die schwersten Konsequenzen tragen müssen. Momentan machen die größten Verursacher des Klimawandels noch keine Anstalten, den 11.000 Menschen aus Tuvalu zu helfen. Doch die Industriestaaten werden sich über kurz oder lang mit diesen Fragen beschäftigen müssen – zumindest wenn die Prognosen der UN stimmen und es bereits im Jahr 2010 50 Millionen Klimaflüchtlinge gibt….

