Darfur? Dafür kann ich nichts
18. Oktober 2006 | Von Josef Reich | Kategorie: Genozid in Darfur, RhetorikIst es nicht zum Schreien, daß 10 Jahre nach Ruanda Gedenkveranstaltungen stattfanden, während das Gemetzel in Darfur bereits in vollem Gange war; ungezählte Entscheidungsträger sich also würdevoll, feierlich und öffentlich für ihr Wegschauen schämten, um gleichzeitig wieder wegzuschauen? Ist es nicht irgendwie ein ähnliches Wegschauen, wie es die Mehrheit der Menschen praktizierten, als die Verfolgten der
NS Zeit abgeholt wurden - nunmehr halt auf global-anonymerer und nicht wie damals auf persönlich-zwischenmenschlicher Ebene?
Es wäre das Mindeste, wenn beispielsweise ein religiös angehauchter Popstar wie Xavier Naidoo oder eine ausrangierte Politik-Ikone wie Joschka Fischer ihre wohlstandsgehärteten Körper vor dem Reichstag plazierten, und in den Hungersreik treten würden. Wenn sie Schüler und Studenten dazu brächten die Flughäfen, Bahnhofsgleise und Autobahnen unserer Republik zu blockieren. Wenn alles solange lahm gelegt wäre, bis unsere Angela Merkel das Gebot der Stunde begriffe, sich in eine Mahatma-Ghandi-Nachahmerin verwandelte, und im krassen Gegensatz zur moralisch-korrupten Außenpolitik ihres Amtsvorgängers zur Tat schritte. Das ausgeflippte Deutschland würde mit Wirtschaftsblockaden, sowie Austritt aus Nato und UNO drohen, die menschenverachtende Haltung Chinas, Russlands und der Arabische Liga somit zum globalen Konfliktrisiko machen. Im Blitzkriegtempo würden wir eine einsatzbereite Bundeswehrtruppe plus humanitäres Hilfsaufgebot deutscher NGOs aufbieten, die darauf warteten, sich jeden Moment an Bord jederzeit startbereiter Truppentransporter in die Katastrophenregion einfliegen zu lassen. Im allerschlimmsten Falle würden wir wahnsinnig Gewordenen, wie die amerikanisch-britische Koalition der Willigen im zweiten Golfkrieg auch auf eigene Faust, also ohne UN-Mandat handeln.
Alles unter der Prämisse, daß Deutschland, nach dem härtesten aller Genozide vom after-shock noch ein halbes Jahrhundert später verständlicherweise paralysiert, von jetzt an, wenn sich irgendwo auf diesem Planeten ein neuer Genozid anbahnte, am allerschärfsten von allen Nationen reagieren würden.
Die sich an der Unterdrückung der Frau, Massendemonstrationen gegen Propheten-Karrikaturen und der baldigen Auslöschung des Judenstaats erfreuenden Islamisten, die der Hitler-Vergangenheit Deutschlands unverhohlene Symphatie entgegenbringen, und den Genozid an ihren schwarzhäutigen Glaubensgenossen im Sudan kaltblütig und lächelnd zur Kenntnis nehmen; sie hätten es plötzlich mit einem Gegner zu tun, mit dem sie so ganz und gar nicht gerechnet hatten.
Die gleiche Nation, die ihnen vor 70 Jahren vormachte, wie einfach man mit Totalitarismus und Judenhaß das Volk zu einer selbstmordbereiten Einheit zusammenschmieden kann, dieses Deutschland brächte ihnen nun bei, daß Humanität stärker ist als alles andere, daß Humanität Weltanschauungen, die Genozide zu lassen, am Ende korrigiert.


Ein Einwand: Ich bin gegen ein Argument, das die Notwendigkeit der Hilfe für Darfur aus der Shoah herleitet. Der brutalstmögliche Mörder wird zum Retter mit pädagogischem Beigeschmack. Ich tendiere dazu hervorzuheben, dass im im Umgang mit Massenmördern die Scheckbuchdiplomatie ausgedient hat. eines der reichsten Länder der Welt soll sich daran beteiligen, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Es ist die Deutschlands faktische Macht, die verpflichtet, nicht seine Vergangenheit.
Das Äusserste zu fordern, ist die eine Sache. Das Möglichste zu schaffen eine andere. Der Aufbau von politischem Druck durch die Regierung ist nur eine Folge von politischem Druck auf die Regierung.
Wie also soll man eine pressure group gründen, der es gelingt, die Bundesregierung konkret unter Zugzwang zu setzen?
Ein Darfur-Blog? Ein Online Forum? Ein Verein?
Demonstrationen? Briefe an Abgeordnete? Konzerte?
Wie schade, dass das traurige Thema Darfur hauptsächlich von den Leuten aufgegriffen wird,
die gar kein wirkliches Interesse am Ende des Leidens in Darfur haben. Die humanitäre und politische Katastrophe in Darfur wird instrumentalisiert, um ganz andere Themen abzuarbeiten. Wieso ist das Geschrei über die bekannten Mundtoten und Handlungsarmen lauter als ein wirkliches humanitäres Handlen jedes einzelnen? Weil es in Wahrheit gar nicht um Darfur geht, sondern um Vergangenheitsbewältigung der eignen deutschen Geschichte, das Ringen um Anerkennung für den Bestand Israels und eine anti-arabische Haltung.
Besonders auf internationalem Parkett bewirkt die Suche und Denunzierung des passenden Schuldigen keine Beendigung des Leidens und keine effiziente Konfliktlösung, siehe Balkan- und Nahost-Krise, sondern Verhindert ein schnelles Handeln der Völkergemeinschaft, weil Abwehr- und Rechtfertigungshaltungen aufgebaut werden.
Daher vielleicht im Privaten anfangen, lieber die Energie in die richtige Richtung lenken und selber mal uneitel in Aktion treten: Petitionen unterschreiben und spenden, mehr kann der gemeine urbane, mitteleuropäische Schreibtisch-Aktivist, Menschenrechtler und Besserwisser sowieso nicht ausrichten.
Gleich hier Frau Merkel nerven: http://www.fairplanet.net/darfur_petition.625.0.html
Und für Spenden für die “Save Darfur Coalition”: https://secure.democracyinaction.org/dia/organizations/darfur/shop/custom.jsp?donate_page_KEY=1318&track=wrapper
peace out.